„Wir gehen zu den Menschen und sind in Freude, Hoffnung, Trauer, Angst und Not an ihrer Seite.“ Unsere Vision

Gedanken zum Sonntag

Gedanken zum Sonntag | 02.02.2019
von Pfr. Willi Stroband

Vor zwei Wochen hatte Ilse Blomberg hier etwas über das „Älterwerden“ geschrieben, darüber hatten wir uns unterhalten, und auch ich habe mir so meine Gedanken gemacht (zumal ich gerade einen Artikel für ein Buch schreiben durfte: „Hoffnung im Alter“):

Tja, klar kenne ich das, dass man die Treppen nicht mehr so beschwingt hochkommt, der Rücken sich meldet, in den Bergen LAUFE ich nicht mehr rauf und runter, sondern schreite… auch wenn ich noch etwas jünger als Ilse bin, aber das Jahr meines Geburtstags fiel mit der letzten deutschen Meisterschaft von Schalke 04 zusammen (Dortmund-Fans denken jetzt: „Willi ist ja steinalt…!“). Auch ich bin im Sportabitur die 100m in 11,7 Sekunden gelaufen, na und? Jetzt geht es gemächlicher, vielleicht genießt man so die Natur viel mehr.

Manches fiel mir natürlich früher leichter, ich war sicher auch spontaner – jetzt mache ich halt das, was ich mir zutraue – und darüber freue ich mich. Ich war in allen Erdteilen dieser Welt – aber ich treffe mich genauso gerne im Thüringer Wald oder im Sauerland oder in Ahlen, vielleicht kommen so die Freunde in den Genuss eines Besuches des heimlichen Herzens Deutschlands im Münsterland.

Den Spruch mit dem „man ist so alt wie man sich fühlt“ fand ich schon immer dumm, daran habe ich mich nie orientiert. Morgens um 7 fühle ich mich immer wie 90 (obwohl, keine Ahnung, wie „man“ sich da fühlt, ich habe so viele unterschiedliche Menschen kennengelernt in diesem gesegneten Alter…), wenn mir was gelingt, bin ich wieder 23 (daran erinnere ich mich noch!), ich versuche, das hinzukriegen, wo ich gute Erfolgsaussichten habe…das andere war eben zu einer anderen Zeit dran...Ich vergleiche mich selten mit meinem früheren ICH von vor vielen Lebensjahrzehnten, heute bin ich der Mensch im Jahre 2019, hier und jetzt setze ich mir (möglichst) genau die Ziele, die ich erreichen kann: Allgäu statt Antarktis, meine deutsche Handballnationalmannschaft vorletzte Woche Mittwoch in der Kölner Lanxess-Arena anfeuern anstatt selbst auf dem Parkett zu stehen, auch mal  Sessellifte benutzen anstatt aus Prinzip jeden Höhenmeter in den Bergen zu Fuß zu erklimmen (die Aussicht genieße ich genauso!), demnächst doch mal ein E-Bike benutzen anstatt nur auf die eigene Muskelkraft vertrauen…Landpfarrer in Ahlen zu bleiben und nicht mehr das frühere Ziel des Papstes anzustreben…

Und ich hoffe ganz optimistisch, es bleibt auch so – bin gespannt, wie es sein wird, wenn ich tatsächlich mal die 80 oder gar 90 erreicht habe…Mein erstes Ziel ist aber jetzt doch die 66, natürlich wegen Udo Jürgens, „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“…und er ist immerhin auch 80 geworden und quasi auf der Bühne gestorben…ich ziehe die Nähe zum Altar vor…

Wenn Sie etwas älter sind als ich, erzählen sie mir demnächst an der Kasse oder draußen im Schnee, wie es in echt ist…ich werde zuhören…

Herzliche Grüße
Euer Willi Stroband
                                                  
 

Gedanken zum Sonntag | 19.01.2019
von Ilse Blomberg

Plötzlich alt?

Kennen Sie das?
Dass die Schere zwischen Wollen und Vollbringen  immer größer wird?

Kennen Sie das?
Dass Ihre Kinder schmunzelnd  nachsichtig  sagen:
„Wir brauchen für den Weg 20 Minuten, mit Mutter 40.“

Kennen Sie das?
Dass Sie zu Ihrem Geburtstag ein volles Haus haben wollen und während der gedanklichen Vorbereitung wissen: „Das kriege ich  nicht hin.“

Kennen Sie das?
Dass Ihr altersunabhängiges Gefühl in einer Gruppe jüngerer Menschen fehl am Platze ist und Sie dem Spruch: „Man ist so alt wie man sich fühlt.“, nicht mehr trauen?

Kennen Sie das?
Dass Sie sich  von langjährigen Freunden im Ausland verabschieden und denken: „Das war  das letzte Mal. Die Reise ist zu beschwerlich.“

Wann fängt das an? Dieses Denken, ja diese Gewissheit, dieses und jenes bekomme ich nicht mehr hin. Dieses und jenes war das letzte Mal. Die Anstrengungen einer Reise sind zu groß?
Fängt es schleichend an?
Überfällt es uns plötzlich? 
Was ich im Jahre 2018 noch konnte, kann ich 2019 nicht  mehr?

Über meinem Schreibtisch hängt der wunderbare Satz von Hilde Domin:
„Ich setzte den Fuß in die Luft, / und sie trug.“ Und dieser Satz hat mich meistens beflügelt und mir Mut für den Alltag gegeben. Aber allmählich will  eine Seite in mir den Zauber dieser Worte verdrängen und spricht zu mir: „Deinen Fuß wird keine Luft tragen.“

Aber dann gibt es noch eine andere Seite in mir mit einer anderen Sprache, nennen wir sie Mutmachsprache:
„Solange Du Deinen Fuß setzen kannst und willst, wird die Luft Dich tragen, auch wenn Deine Schritte kleiner und langsamer werden oder vielleicht gerade deshalb.“

Und den Optimismus dieser Mutmachsprache möchte ich in unseren Sonntag hineinleuchten lassen für alle, die das gerade lesen, aber besonders für uns Senioren und Seniorinnen:
„Ich setzte meinen Fuß in die Luft, / und sie trug.“

Ilse Waltraut Blomberg

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